Der Stift

Wer hatte ihn nicht schon einmal in der Hand? Mit dem Stift werden Friedensverträge unterschrieben, Käufe besiegelt und Ehen eingegangen. Ein mächtiges und allgegenwärtiges Werkzeug.
Ist der Stift wirklich nur Werkzeug? Kann etwas so universelles wie der Stift nur als Gebrauchsgegenstand betrachtet werden? Bei meinem Gang durch die Gänge bin ich vielfach Stiftträgern begegnet. Sie trugen den Stift in der kleinen Tasche über dem Herzen, auf der Intensivstation lässig im Ausschnitt des Kasak oder besonders ordentliche am Band um den Hals.
Versuchen wir mal für einen Moment das Offensichtliche zu verlassen und dem Stift nicht auf seine unbestreitbare Nützlichkeit hin zu untersuchen. Erspüren wir die Macht, welche vom Stift ausgeht. Er ist der Dokumentator, der Beweiser, der Beleg für die Echtheit des Dokumentierenden. Was geschieht mit dem Menschen, dem einen Stift zu tragen erlaubt ist? Überträgt sich nicht in der Vorstellung des Menschen die Wichtigkeit des Stiftes auf seinen Verwahrer, wie sich die Wichtigkeit des Präsidenten auf seine Frau überträgt?
Das Dasein des Menschen ist vielfach von solcherlei Übertragungen geprägt. Schon in frühester Kindheit findet sich die Übertragung der Position der Eltern auf die erst in der Schule befindlichen Kinder. Sie werden nicht als etwas eigenes, unwiederholbar persönliches betrachtet, sondern eben als Kinder ihrer Eltern!
Diese Analyse der gegenständlich zugeschriebenen Eigenschaften und der Tendenz eben dieselben auf das unmittelbar Benachbarte zu übertragen, führt zwangsläufig zu dem Schluß, das die Übertragung eigentlicher Zweck der zur Schau Stellung des Stiftes ist. Ob bewußter Einsatz oder unbewußter Ausgleich einer Unzulänglichkeit ist lediglich im Einzelfall von Bedeutung. Vor allem bei Individuen, welche nicht allein den Stift, sondern mit ihm gleich alle seine Brüder und Schwestern ausstellen und dabei auf besondere Qualität und äußeres Erscheinungsbild des zur Schau gestellten Machtpotentials achten (klar gleicht ein Mercedes etwas besser die Lücken des Ichs aus, als der etwas zurückgebliebene VW Käfer).

Oder wie es W. Busch wohl formuliert hätte:

Drum achte mal ein jeder Mann
auf Stifte die entbehrlich san,
auf das der Eine der sie trägt,
erkläre was er sonst entbehrt!

Was soll der Stift somit im Kittel der Pflegenden (ich habe nicht vergessen für wen ich schreibe)? Bedenken wir neben der Wirkung und der Nützlichkeit die Gefahren, gelangen wir ohne Hemmnis zum Schluß, andere Plätze zu bevorzugen als den Kittel der Schwester.
Wer, der den Kittel längere Zeit trug, hat nicht schon einmal praktische Pflege durchführen dürfen (kleiner Stich in Richtung PDL und Schule - Mann ist schliesslich auch nur ein Mensch).
Zurück zur Praxis: eine alte Dame stützt ihren Kopf beim Erheben aus dem Stuhl an der Schulter der Pflegenden, was hat sie im Auge? Den Stift, aus der kleinen Tasche über dem Herzen!

Ein Patient wird gelagert, was löst den Dekubitus aus? Der Stift, welcher fiel aus der kleinen Tasche über dem Herzen!

Was immer der Negativbeispiele mehr wären, bedenken wir als Pflegende unsere Verantwortung, lassen wir den Stift am Ort, an dem er Verwendung findet! Versorge uns der Verwaltungsdirektor mit Material, lassen wir unsere Taschen den Materialien, welche uns in der Pflege wirklich von Nutzen sind. Brauchen wir ernsthaft die Übertragung des Stiftes?
Sind wir selbst in unserer Aufgabe und Qualität nicht Nutzen genug?




weiter