Mit Spiritualität (von lateinisch spiritus = Geist) ist die innere Haltung oder Einstellung eines Menschen gemeint, mit der er sich mit den Ereignissen und Erfahrungen in seinem Leben auseinandersetzt. Die Suche nach einer grundsätzlichen Orientierung findet während des ganzen Lebens statt, mehr oder weniger bewusst. Zum Lebensende hin werden die Fragen dringlicher, auch im Zusammenhang mit einer Art Lebensbilanz. In der direkten Frage nach dem (Lebens-) Sinn wird deutlich, dass eine solche Auseinandersetzung stattfindet, aber auch indirektere Aussagen können einen Hinweis darauf liefern.

Religion und Glaube können ein Ausdruck von Spiritualität sein, aber auch nicht-religiöse Menschen haben zumeist weltanschauliche und ethische Überzeugungen, an denen sie ihr Leben ausrichten.

Einbinden von Spiritualität in die Praxis

In der Palliativpflege wird versucht, die spirituelle Dimension mit dem Patienten und seinem Umfeld zusammen zu erkennen und ihn sowie seine Angehörigen ggf. darin zu unterstützen. Praktisch bedeutet dies, die Fragen nach dem Warum und Wohin zuzulassen und nicht mit schnellen Lösungen aufzuwarten, sondern Zeit und Raum für die Auseinandersetzung zu geben.

Spiritualität kann eine Ressource sein in der Bewältigung existentieller Nöte, aus der Kraft geschöpft werden kann in Leidenszeiten und auch auf "dem Letzten Weg". Dazu gehört z.B. das Einbinden bestimmter Rituale in den Alltag, die nicht unbedingt religiöser Natur sein müssen (z.B. die "ostfriesische Tee-Zeremonie" deutet u.a. auf Identität, Heimatverbundenheit, Tradition). Das Entdecken bestimmter Symbole kann Anlass für ein tiefergehendes Gespräch sein, z.B. eine Engelsfigur oder ein besonderer Stein auf dem Nachtschrank, was sich dort nicht nur zu dekorativen Zwecken befindet. Dabei ist zu beachten, dass die Gesprächsebene nicht verlassen wird und das Erläutern der Symbole dem Patienten überlassen bleibt, um ihm nicht die eigenen Erklärungsmodelle "überzustülpen". Es gilt hier nicht, ein Geheimnis bis ins Detail zu ergründen, sondern eben dieses Geheimnis als einzigartig und besonders anzuerkennen.

Eigene Haltung

Oft sind es die Pflegenden, die über alltägliche Dinge mit dem Patienten in ein Gespräch kommen, das fast unmerklich spirituelle Dimensionen annimmt (z.B. über Gartenarbeit - Freude am Wachsen und Gedeihen der Pflanzen, das kleine Paradies; ein Familienfoto - Werte wie Zusammenhalt, Zuneigung, Treue, Loyalität und Konfliktbewältigung). Dabei spielt die Haltung der Pflegenden eine große Rolle; in erster Linie die Offenheit für das Thema an sich und die Bereitschaft für eine ernsthafte Auseinandersetzung damit.

Eigene Überzeugungen dürfen auf Nachfrage durchaus kundgegeben werden, ein "Missionieren" aber ist ein Übergriff in die Persönlichkeitssphäre des Patienten und sollte unbedingt unterlassen werden. Umgekehrt ist Toleranz gefordert, wenn ein Patient seinen eigenen Glauben äussert und diesen weitestgehend auch ausüben möchte - auch dann ist Zurückhaltung mit eigenen Ansichten angebracht.

Gefragt ist in diesem Zusammenhang weniger das professionelle Denken als eher die menschliche Nähe. Das betreuende Personal darf dem Kranken gegenüber eingestehen, nicht auf alles eine Antwort zu haben und keine Lösungen präsentieren zu können. Diese Wahrhaftigkeit seitens der Pflegenden und auch der Mediziner ermöglicht eine echte Begleitung auf "Augenhöhe" - nichts anderes wünscht sich oft der Patient, der oft schon ahnt, wie es um ihn steht. Ausweichende Floskeln wird er als solche erkennen, damit wird ihm die Ausweglosigkeit seiner Situation nur noch deutlicher vorgeführt und er wird sich erst recht verlassen fühlen.

siehe auch

Literatur

  • E. Aulbert et al.: Lehrbuch der Palliativmedizin, 2. Auflage 2007, Schattauer Verlag 2007
  • Monika Müller: Dem Sterben Leben geben, 1. Auflage 2004, Göttinger Verlagshaus
  • E. Weiher: Mehr als Begleiten - Ein neues Profil für die Seelsorge im Raum von Medizin und Pflege, 3. Auflage 2004, Grünewald Mainz