Literaturarbeit: "Tiergestützte Therapie" von Nina Kolbe, 2003

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Einleitung

„They´re so much company when you´re alone, you know. They sit with you, and you ask them to come and they come... It´s different. A dog is more like a friend then a cat. You know what I mean? He´s always around with you and likes to protect you all the time... You must believe that when you´re alone and you have an animal with you, you´re not alone. You have somebody with you. “ (Roenke, Mulligan 1998)

Die soziale Isolation spielt besonders im Alter eine problematische Rolle. Durch Verlust des Ehepartners oder durch Krankheit bzw. Einschränkung wird die Teilnahme am sozialen Leben erschwert. Viele haben allein nicht die Kraft sich dagegen zu wehren und werden in den Sog der Vereinsamung gezogen. Selbst in Altenpflegeeinrichtungen, wo viele Menschen miteinander zu leben scheinen, sind viele der Bewohner isoliert von der Gemeinschaft. Durch die Institution an sich kommt es zur Reduzierung der sozialen Teilhabe. Der Verlust der funktionierenden Rolle des alten Menschen fordert verstärkt sozialen und emotionalen Austausch. Der ist jedoch besonders für eingeschränkte Menschen schwierig. Die Angehörigen, die auf Grund der Situation des dementen, desorientierten oder depressiven Menschen hilflos und betroffen sind, können die nötige soziale Unterstützung durch ihre eigene Überforderung nicht leisten (Olbrich). Viele verschiedene Forschungen sind zur Rolle eines Tieres in Hinblick auf verschiedene Wirkungen gelaufen. Ein Tier kann das Bedürfnis nach Zärtlichkeit, Geborgenheit und Zuneigung stillen. Doch bringt die Anwesenheit eines Tiere verschiedene Facetten mit sich, welche in unterschiedlichen Studien besonders im anglo – amerikanischen erforscht worden sind und zunehmend auch in Deutschland untersucht werden.

Methodik

Fragestellung

Wie der Titel dieser Arbeit bereits zeigt, widmet sie sich der Hauptfrage: „Welche Wirkung hat ein Tier auf einen alten Menschen?“

Die Wirkung eines Tieres auf den Menschen läuft auf verschiedenen Ebenen ab. Die Literatur zu diesem Thema beschreibt stets einen Teilbereich des Ganzen. Um eine Gesamtwirkung des Tieres auf den alten Menschen herauszuarbeiten, stellen sich drei Fragen in den Vordergrund: wird die Physis gefördert, wie reagiert die Psyche eines alten Menschen und welche sozialisierenden Eigenschaften bringt ein Tier dem alten Menschen mit?

Die Grenzen zwischen körperlicher, psychischer und sozialer Auswirkung auf den Menschen sind fließend. Um die Literatur besser bearbeiten zu können, ist die Aufteilung in drei Aspekte unterteilt, wobei jeweils die anderen Bereiche nicht als ausgegrenzt zu betrachten sind:

  1. Welche physische Wirkung hat ein Tier auf einen alten Menschen?
  2. Welche psychische Wirkung hat ein Tier auf einen alten Menschen?
  3. Welche sozialisierende Wirkung hat ein Tier auf einen alten Menschen?


Literaturrecherche

Um einen ersten Eindruck über diese Thematik in Deutschland zu erreichen, wurde im Internet die Suchmaschine „google“ mit folgenden Wörtern in jeglichen Kombinationen benutzt: Tier, Alt, Mensch, Beziehung, Tiergestützt, Tiertherapie, Demenz, Alzheimer, Gerontologie, Hund Es entstand so der Kontakt zum „Alzheimerforum“ mit der „Alzheimer-Angehörigen-Initiative“, zum „Kuratorium Deutsche Altenhilfe“, zum „Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft“ und zu „Tiere helfen Menschen“.

Vom Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft wurde eine Broschüre „Heimtiere als Prävention“ und mehrere Zusammenfassungen von Untersuchungen und Erlebnisberichten unter anderem „Heimtier und Gesundheit – Die Bedeutung der Mensch – Tier Beziehung im Alter“ von dem Psychologen Prof. Olbricht der Universität Erlangen-Nürnberg zur Verfügung gestellt. Das „Kuratorium Deutscher Altenhilfe“ veröffentlichte in Zusammenarbeit mit dem „Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft” „Ein Plädoyer für die Tierhaltung in Alten- und Pflegeheimen“. Durch die anderen Gruppierungen kamen stets aktuelle Informationen über Fernsehdokumentationen und Fachtagungen zu diesem Thema. Des weiteren war eine Dissertation an der Universität Dortmund von Bianca Möller aus dem Jahr 1998 mit dem Titel „Die Bedeutung von Tieren für die therapeutische Arbeit mit älteren Menschen“ im Internet zugänglich. Nach diesem ersten Überblick wurde die Datenbanken Carelit©, CINAHL© und Medline© zur Literaturrecherche genutzt. In der deutschen Datenbank CINAHL© kamen in der „Globalen Recherche“ folgende Schlagwörter zum Einsatz:

Tier, Alter, tiergestützt, Tiertherapie, Demenz, Alzheimer, Gerontologie und Heim.

Als Ergebnisse wurden fast ausschließlich Erlebnisberichte innerhalb der deutschen Pflegezeitschriften gefunden. Es gab eine deutsche Studie aus „Die Pflege“ von Susanne Graf, die in die zu bearbeitende Literatur mit aufgenommen wurde. Für die englischsprachigen Datenbanken, wie MEDLINE© und CARELIT© fungierten die Wörter für die Suche:

Pet, facilitated therapy, therapy, psychiatry, disease, animal, animal-assisted therapy, dementia und gerontology.

Die Ergebnisse der beiden Datenbanken unterschieden sich nicht groß, weshalb sie gemeinsam abgehandelt werden können. Es waren im Ergebnis 20 Artikel, die innerhalb der Suche gefunden wurden. Zur Eingrenzung der Literatur kam der Zeitraum 1993 bis heute in Frage, wodurch die möglichen Artikel sich auf 10 begrenzten.

Nach Sichtung der Abstracts wurden fünf Artikel für die Fragestellung als relevant eingestuft. Um den deutschen Stand der Untersuchungen zu dem Thema mit einfließen lassen zu können, war die Untersuchung von Prof. Olbricht mit in der Auswahl, obwohl es sich hierbei um einen nicht einzuordnenden unveröffentlichten Artikel handelt. Auch Teilbereiche der Dissertation wurden aus diesem Grund in die Literatur mit aufgenommen. Für weiteres Suchmittel sind die Referenzlisten der gefundenen Artikel zu benennen, wo sich jedoch die in der vorgegebenen Zeitspanne befindenden Artikel bereits in der Auswahl sich befanden.

Literaturanalyse

Bergriffserläuterung

Um einen Überblick von verschiedenen tiergestützten Therapien zu erhalten, werden zunächst Definitionen der aus der anglo – amerikanischen Literatur stammenden Therapieformen innerhalb der Begriffsanalyse beschrieben. In Deutschland ist das Gebiet der tiergestützten Therapie in der Literatur noch nicht ausgereift. „Pets As Therapy (PAT) is a generic term that means visitation and/or possession of an animal and the use of the animal in psychotherapy sessions. ” (Walsh et al 1995) „Animal Assisted Therapy (AAT) is the utilisation of animals as a therapeutic modaly to facilitate healing and rehabilitation of patients with acute or chronic diseases. ” (©Therapeutic Animal Assisted Therapy Foundation 2003) „Pet Facilitated Therapy (PFT) is the use of an animal by a clinical or para-professional to enhance the usual therapeutic curriculum. ”(Brickel 1986, aus Walsh et al 1995) Da es in dieser Arbeit um die Wirkung von Tieren auf den Menschen geht und nicht um die Art der Therapie, sind alle drei in den Texten vorhanden Formen relevant, werden jedoch nicht explizit aufgeführt.

Die Kernwörter innerhalb der Fragen werden im weiteren Beschrieben:

  • Physisch
  • Psychisch
  • Sozialisierung


Physisch

„Körperlich; die Physiologie ist die Wissenschaft und Lehre von den normalen Lebensvorgängen, insbesondere von den physikalischen Funktionen des Organismus“ (Pschyrembel 1994, S.1192). Innerhalb dieser Arbeit richtet sich das Augenmerk auf die Wirkung des Tieres auf den Körper des alten Menschen. Innerhalb der Studie kristallisierten sich der Blutdruck und der Puls (Walsh et al 1995) als Messinstrument heraus. Die Beeinflussung der Bewegung und Motorik (Graf 1999; Müller 1998) bilden einen weiteren Aspekt der physiologischen Wirkung durch ein Tier auf den Menschen.


Psychisch

„Psychisch; die Psyche, Seele betreffend, seelisch. Heute meist zusammenfassend gebraucht für alle Vorgänge des Erlebens (z.B. Wahrnehmen, Erinnern, Denken, Fühlen), ebenso für unbewusste „innere“ Prozesse sowie für Persönlichkeitsmerkmale“ (Lexikon der Psychologie 1997; Bd.2, S. 1710). In der Literatur findet sich der Bereich der psychischen Wirkung des Tieres durch Beobachtung von Verhalten und das nach außen gezeigte Gefühl der Menschen. Untersucht wurden insbesonders die Wirkung von Tieren auf Unruhe (Churchill et al 1999), das Kognitive (Roenke, Mulligan 1998; Müller 1998) und das Emotionale (Olbricht, Graf 1999), welche innerhalb der Literaturanalyse näher beschrieben werden.


Sozialisierung

„Sozialisierung bezieht sich auf den Prozeß, durch den Individuen jene Qualitäten entwickeln, die für ein wirksames bestehen in der Gesellschaft, in der sie leben, wesentlich sind“ (Lexikon der Psychologie 1997, Bd.3 S.2110). Die Hauptaspekte bilden innerhalb der verwandten Literatur die verbale und nonverbale Kommunikation und Interaktion zwischen den einzelnen Akteuren und die Aufmerksamkeit durch verschiedene operrationalisierte Messmethoden, die im weiteren in der Analyse beschrieben werden (Fick 1993; Churchill et al 1999).


Physische Wirkung von tiergestützter Therapie

Das Tier wirkt auf verschiedene Art und Weise zur Förderung der Physis. Durch die Anwesenheit und die Berührung eines Tieres verändern sich Blutdruck und Puls (Walsh et al 1995). Doch die Berührung, das Streicheln führt gleichzeitig zur Förderung der Bewegung (Graf 1999). Um diese Punkte näher zu betrachten, werden sie in den nächsten beiden Unterkapiteln behandelt.


Wirkung auf Blutdruck und Puls

In der Studie von Walsh et al 1995 war es unter anderem das Ziel herauszufinden, ob ein Hund einen signifikanten Einfluss auf den Blutdruck und den Puls hat. Um dieses zu erfahren, maßen sie innerhalb einer Kontrollgruppe ohne Hund und einer Experimentiergruppe mit Hundeanwesenheit zwei diastolische Blutdrücke und Pulsraten während der Sitzung.

Es zeigte sich, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen der Kontroll- und der Experimentengruppe gab, wobei die Menschen in der Gruppe mit dem Hund einen „slight drop“ im diastolischen Blutdruck aufzeigten über die Dauer der Sitzungen vom Anfang der Zwölf Wochen bis zum Ende.

Die amerikanische Soziologin E. Friedemann stellte in einer Studie in den 70iger Jahren fest, dass die Überlebenschance und die Genesung von Herzinfarktpatienten signifikant höher lagen, wenn man ein Haustier hatte. (Möller 1998; Graf 1999)

Vom Anfang bis zum Ende der Studie war der Unterschied im Puls innerhalb der Experimentiergruppe signifikant niedriger (p=0.021 bei p<0.05).

„The reduction in post-heart rate measurement may indicate some general level of stress reduction in subjects when a dog is present. ” (Walsh et al 1995)

Wirkung auf Bewegung

Die aktive Sorge für Hygiene, Ernährung oder eine komfortable, sichere Umgebung bei Haustierbesitzern ist im Alter größer als bei Menschen ohne Haustier. (Cusack und Smith, aus Graf 1999)

Die durch ein Tier hervorgerufenen körperlichen Betätigungen bezeichnet Susanne Graf als umfassend. Beim Streicheln des Tieres werden sowohl Gefühle als auch Ästhetik befriedigt, die physiologische Wirkung dessen ist jedoch das Trainieren der Feinmotorik. Anfallende Spaziergänge und Füttern, wenn man an ein eigenes Tier denkt und die Mobilität vorhanden ist, beinhalten Bewegungsabläufe, die sich auf den gesamten Organismus auswirken. Die Gesundheitsgefahr besonders auf Grund der erhöhten Sturz- und damit Frakturgefahr werden jedoch häufig unterschätzt oder ganz außer Acht gelassen (Zisselmann et al 1996).


Psychische Wirkung von tiergestützter Therapie

„Ein Tier wirkt bereits allein durch seine Anwesenheit auf die Psyche ein“ (Müller 1998). Innerhalb dieser Fragestellung wird speziell auf die mögliche Veränderung durch ein Tier in Bezug auf Unruhe (Churchill et al 1999), Kognition (Roenke, Mulligan 1998; Müller 1998) und emotionales Empfinden (Olbricht, Graf 1999)eingegangen. Dementsprechend ist diese Kategorie in drei weitere Bereiche unterteilt.


Unruhiges Verhalten

Ein Symptom von Demenz ist Unruhe, welche sich durch Unvermögen stillsitzen zu können und Unausgeglichenheit zeigt. Ein Beispiel ist aggressiv zu reagieren, da einen die innere Unruhe „zerfrisst“. Viele Menschen leiden in höherem Alter unter dementiellen Entwicklungen unterschiedlicher Genese. Diese beschriebene innere und auch nach außen gezeigte Unruhe ist ein typisches Verhaltensmuster für dementiell veränderte Menschen (Churchill et al 1999). In der Studie von Churchill et al 1999 wurde unter anderem der Effekt eines Therapiehundes in Bezug auf Unruhe bei Menschen mit Verdacht auf Alzheimerdemenz in den Abendstunden(„Sundown Syndrom“) untersucht.

Es gab eine Kontrollgruppe in der kein Tier anwesend war und eine Experimentiergruppe in der ein ausgebildeter Therapiehund eingesetzt wurde. Die Unruhe wurde mit dem „Agitation behavior Mapping Instrument (ABMI)“(Cohan Mansfield 1986) gemessen. Dieses Assessment besteht aus drei Hauptkategorien:

  • physical aggressive behavior
  • verbal aggressive behavior
  • non aggressive behavior

Während der Beobachtungszeit wurde jeder der Probanten alle fünf Minuten für 15 Sekunden auf Video aufgezeichnet, um ihn danach anhand der ABMI kodieren zu können. Als Ergebnis zeigte sich, dass der Hund eine beruhigende Wirkung hatte. Die Gruppe mit Anwesenheit des Hundes war signifikant ruhiger im Verhalten laut ABMI als die Gruppe ohne Hund. Wie viele Sitzungen bereits mit Hund abgehalten worden waren, stellte sich als nicht relevant für die beruhigende Wirkung des Hundes heraus. Der Grad der Demenz stellte sich als nicht relevant dar. Bei allen Probanten war die beruhigende Wirkung des Hundes festzustellen. In der Studie von Zisselmann et al, die ähnlich aufgebaut war, zeigte sich keine signifikante Wirkung im Grad der Unruhe. Sie selbst kritisierten, dass das von ihnen gewählte Messinstrument (MOSES) für eine so kurze Interventionsphase falsch gewählt war. Ihre Interventionsphase lief über fünf Tage je eine Stunde. Sie haben mit diesem Instrument jedoch nur eine Vor- und eine Nacherhebung vorgenommen, so dass sie die direkte Wirkung des Hundes auf den Menschen nicht aufnehmen konnten. Auch die kurze Interventionsperiode der Studie von fünf Tagen schien ihnen für dieses Instrument im Nachhinein für zu unsensibel. Bianca Müller beschrieb in ihrer Dissertation, dass sich beim bloßen Streicheln Anzeichen der psychischen Beruhigung zeigen. Im Gesicht und in der Stimme geschehen stereotype Veränderungen:

  • die Gesichtszüge entspannen sich
  • die Stimme wird weicher
  • die Stimmlage wird höher
  • das Satzmuster wird kürzer gestaltet
  • häufig hat der Inhalt eine fragende Intonation

Danach wird auf eine Reaktion des Tieres gewartet. Der alte Mensch tritt in eine Interaktion mit dem Tier ein, worauf im Punkt der sozialen Wirkung genauer eingegangen werden wird.


Kognitive Wirkung

„Die Kognition ist die allgemeine Bezeichnung für den Komplex von Wahrnehmung, Denken, Erkennen, Erinnern ect.“ (Pschyrembel 1994). Innerhalb dieser Thematik interessiert in wie weit die Erinnerung durch einen Hund beeinflusst werden kann.

Der Erinnerungsfähigkeit ist im Alter eine hohe Bedeutung zu zumessen. Alle Arten der Therapie, die das Erinnerungsvermögen wecken, werden angewandt, um bestehende Demenz zu schwächen (Müller 1998) oder präventiv zu wirken.

In der Studie von Laura Roenke und Shelley Mulligan sagt eine an demenzerkrankte Frau während einer Tiersitzung: „I can remember as a child, my father bought a dog, brought him home, and would you believe that dog would go everywhere my father would go. And than what did he do? My father used to have a nap every afternoon, and when he did, that dog went right by him and sat right at the side of him where he was sleeping. “

Durch den Umgang mit Tieren werden häufig Erinnerungen aus der Vergangenheit geweckt (Roenke, Mulligan 1998), meist sind es positive Erlebnisse des Lebens (Müller 1998). Doch auch die präventiven Aspekte von Tieren sollten erwähnt werden. Bettina Müller spricht vom „Living enviroment“, was aussagen soll, dass das Tier die belebte bzw. lebende Umwelt des Menschen bildet. Sie sollte besonders im Alter sowohl beruhigend als auch anregend gestaltet sein, um einem unreflektierten psychischen Rückzug und einer dadurch möglichen Verstärkung dementieller oder depressiver Symptome entgegenwirken zu können (Müller 1998).


Emotionale Wirkung

„Die Emotion ist eine Gemütsbewegung, ein Gefühl. Emotional ist gefühlsbetont und gemütsbewegt“ (Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie 1997).

So benötigt ein Mensch das Gefühl gebraucht, bewundert, geachtet und geliebt zu werden. Diese Gefühle lösen Tiere beim Menschen häufig aus (Graf 1999; Fick 1993). Allein das Aufschauen des Tieres zum alten Menschen zeigt Achtung und Bewunderung (Müller 1998). Olbrich spricht von einem so genannten „Cinderella Effekt“; das Tier macht aus dem Aschenputtel eine Prinzessin. Ein Tier macht keine Unterscheidung von Menschenklassen (Fick 1993). Ihm ist es egal, ob der ihm gegenüberstehende Mensch sehr alt, verwirrt oder in irgendeiner Form eingeschränkt ist.

Gleichzeitig gibt das Tier ein Gefühl von „gebraucht werden“, es scheint hilfloser zu sein, als man selbst(Olbrich).

Nicht vergessen darf man jedoch die emotionale Belastung eines Tieres, wenn der alte Mensch erkrankt bei einem eigenen Heimtier oder wenn das Tier stirbt bzw. nicht mehr in das Heim zu Besuch kommt (Graf 1999; Olbrich). Bei Erkrankung der Besitzerin eines Tieres wirkt dieses laut Susanne Graf als zusätzlicher Stressor. Der Verlust des Tieres kann schwere Trauerreaktionen zur Folge haben (Graf 1999).

Sozialisierende Wirkung von tiergestützter Therapie

Viele Studien sprachen von der gesteigerten Sozialisation bei Anwesenheit eines Tieres. Um die Wirkung des Tieres darstellen zu können, wird auch hier auf verschiedene Studien genauer eingegangen, um zu zeigen, inwieweit die Sozialisation, die unter der Begriffsanalyse definiert wurde, zu verstehen ist.

In der Studie von Churchill et al 1999 wird sozialisierendes Verhalten über folgende Kriterien erfasst:

„Socialisation behaviors monitored included verbalisation, looks, smiles, leans, tactile contact, praise, physical warmth and temporal response time. “

Dem ähnlich sind die benutzten Kategorien von Kathrine Fick. Sie untersuchte in ihrer Studie den Einfluss von einem Tier auf die Häufigkeit sozialer Interaktionen bei einer Gruppensitzung in einem Altenheim, die im weiteren Verlauf kurz skizziert wird. Beobachtet wurde eine Gruppe von 39 Männern mit und ohne Anwesenheit von einem Hund. Gemessen wurde mit den soziales Verhalten operationalisierenden Kriterien: Nonattentive behavior , Attentive listening , Nonattentive listening , Verbal interaction with a person , Nonverbal interaction with a person , Verbal interaction with the animal , Nonverbal interaction with the animal .

Im Ergebnis zeigte sich innerhalb der Häufigkeit der verbalen Interaktion mit anderen Menschen bei Anwesenheit des Hundes ein signifikanter (p=0.03 bei p >0.05) Anstieg. Sie unterhielten sich über das Tier und äußerten und lachten über ihre eigenen Tiere von damals (vgl. 3.3.2. Kognitive Wirkung). Sobald der Hund ging, verfielen sie in die alten Muster und die absolute Häufigkeit von 55 auftretenden Fällen ging auf 29 verbale Interaktionen zurück. Die Häufigkeit der beobachteten nonverbalen Interaktionen war nicht signifikant im Unterschied (p=0.113 bei p<0.05), doch stieg sie bei Anwesenheit des Hundes an ( = 10; = 23). Die verbalen und nonverbalen Interaktionen vom Menschen zum Tier waren mit insgesamt 4% im Verhältnis zum gesamten Verhalten, nicht nur die Kommunikation betreffend, eher gering, was laut Fick wegen der nur männlichen Probanten entstand.

In den anderen drei Kategorien war in den Gruppen kein Unterschied zu erkennen. Es sei zu erwähnen, dass die Aufmerksamkeit beim Zuhören wenn der Hund anwesend ist, von 55% ohne Hund auf 46% mit Hund sinkt, was jedoch stark mit dem Ansteigen der verbalen Kommunikation zusammenhängt. Da durch das Tier nicht nur die Kontaktaufnahme zwischen Menschen sondern auch die Aufrechterhaltung oder der Beginn kommunikativer Akte erleichtert wird (Müller 1998), wirkt das Tier als sozialer Katalysator (Olbrich; Fick 1993; Graf 1999; Churchill et al 1999). Durch die Anwesenheit eines Tieres wird eine zwischen den Menschen stehende Barriere abgebaut (Roenke, Mulligan 1998). Die Konversation, gemessen an Augenkontakt und lachendes Verhalten mit dem Pflegepersonal in einem Altenheim, steigt deutlich bei Einsatz eines Tieres (Walsh et al 1995). Der Kontakt zu Mitlebewesen beugt nicht nur der Isolation vor, sondern fördert, wie auch die hier aufgeführte Studie zeigt, das Erleben einer Gemeinschaft (Olbricht).


Zusammenfassung

Die Wirkung von Tieren auf den Menschen ist facettenreich. In der vorliegenden Literaturarbeit sind englisch- und deutschsprachige Artikel der letzten zehn Jahre zu diesem Thema unter drei Hauptaspekten bearbeitet worden. Die Wirkung auf die Physis, die Psyche und die Sozialisation. Es zeigte sich, dass ein Tier den Blutdruck, wenn auch nicht signifikant, jedoch minimal senkt. Der Puls zeigt eine signifikante Veränderung (Walsh et al 1995). Die Bewegung erhöht sich, ein Tier wirkt aktivierend. Selbst das einfache Streicheln führt zur Steigerung der Feinmotorik. Ist man mobil und hat sein eigenes Tier, so kann man die Spaziergänge z.B. mit dem Hund als umfassende Bewegungsübung sehen (Graf 1999), doch ist das Sturzrisiko erhöht (Zisselmann et al 1996).

Auf die Psyche des Menschen wirkt ein Tier beruhigend. Vorhandene Unruhezeichen werden signifikant geschmälert (Churchill et al 1999). Erinnerungen aus der Kindheit werden geweckt und kommuniziert (Roenke, Mulligan 1998). Mit Hilfe des Tieres wird eine stimulierende Umgebung geschaffen, wodurch depressiven und dementiellen Phasen vorgebeugt wird im Rahmen der Möglichkeiten (Müller 1998). Durch den „Cinderella-Effekt“ wird der Mensch emotional gestärkt (Olbricht). Der Mensch kriegt das Gefühl wieder jemand zu sein. Bei Erkrankung des Besitzers wird das Tier jedoch zu einem zusätzlichen Stressor (Graf 1999) und beim Tod oder beim Verlust des Tieres stürzt der alte Mensch sehr schnell in eine depressive Phase (Graf 1999).

Die sozialisierende Wirkung ist durch die gesteigerte Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen bei Anwesenheit eines Tieres bereits gesteigert (Fick 1993; Churchill et al 1999). Das Tier wirkt als eine Art sozialer Katalysator, er gibt den Menschen Gesprächsstoff, weckt Erinnerungen und lässt eine unsichtbare Barriere einstürzen (Roenke, Mulligan 1998).

Zusammenfassend kann man sagen, dass ein Tier eine facettenreiche Wirkung in verschiedenen Bereichen des Menschen ausübt.

Stellungnahme

Im Rahmen der Literaturarbeit wurde deutlich, dass im anglo – amerikanischen Raum tiergestützte Therapien in seinen verschiedenen Formen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als dieses in den letzten zehn Jahren in Deutschland der Fall war. Durch die Medien wird jedoch signalisiert, dass das Thema zu einem wichtigen und aktuellem Bereich geworden ist. Es werden Berichte über Altenheime gezeigt, in denen Tiere mit den Menschen zusammenleben. In „Talkshows“ wird über das Thema diskutiert. In dem Bereich des Blindenhundes ist die Stellung und die Möglichkeit, die ein Tier mit sich bringt, akzeptiert und wird von den Krankenkassen mitgetragen. In dem Fall wird das fehlende Augenlicht des „Herrchens“ durch das Sehvermögen des Hundes ersetzt.

Auch die sogenannte Hippo – Therapie, in der mit Hilfe eines Pferdes meist auf Ebene der Physiotherapie gearbeitet wird, wird immer bekannter. Sie wird zwar hauptsächlich in der Behindertentherapie eingesetzt, doch ist die Erkenntnis so weit, dass diese Therapie bei z.B. Multiple Sklerose oder ähnlichen Muskelerkrankungen zur Förderung der Muskulatur durch die einfache Schrittbewegung des Pferdes kommt.

Innerhalb der Altenpflege hat dieses Thema ebenfalls an Stellenwert gewonnen. So beschäftigt sich unter anderem das KDA, wie die Broschüre zeigt, mit diesem Thema. Auch in Altenpflegezeitschriften wird vermehrt durch Erfahrungsberichte der Fachöffentlichkeit signalisiert, wie viel Unterstützung und Lebensfreude bei den alten Menschen im Pflegeheim entsteht durch die Anwesenheit eines Tieres. Ängste und Zweifel an der Mehrarbeit für das Pflegepersonal können so genommen werden. Gerade die häufig im Fordergrund stehenden hygienischen Probleme werden durch die Berichte wiederlegt und gleichzeitig wird der Leser aufgeklärt, was er zu beachten hat.

Die vielen Erfahrungsberichte sollten jedoch durch Studien speziell in den Pflegeheimen unterstrichen und bestätigt werden. Hier liegt der hohe Forschungsbedarf in der Landschaft der deutschen Altenpflege.


Literatur

  • Arnold, Wilhelm; Eysenck, Hans Jürgen; Meili, Richard: „Lexikon der Psychiologie“ 1997; Bd. 1-3
  • Churchill, Mary; Safaoui, Janet; Mc Cabe, Barbara; Baun, Mara: „Using a therapy dog to allivate the agitation and desocialisation of people with Alzheimer´s disease.“ Journal of Psychosocial Nursing 1999; 37; No 4; S.16-22
  • Fick, Katharine: „The influence of an animal on social interactions of nursing home residents in a group setting.“ The American Journal of Occupational Therapy 1993; No 6; S.529-535
  • Graf, Susanne: „Betagte Menschen und ihre Haustiere.“ Pflege 1999; 12; S.101-111
  • Müller, Bianca: „Die Bedeutung von Tieren für die therapeutische Arbeit mit älteren Menschen.“ Unveröffentlichte Dissertation; Universität Dortmund Fachbereich Gesellschafts-wissenschaften, Philosophie und Theologie 1998; S. 1-31; S. 72-100
  • Olbrich, Prof. Dr. Erhard: „Heimtier und Gesundheit- Die Bedeutung der Mensch- Tier- Beziehung im Alter.“ Unveröffentlicht, Jahr nicht angegeben
  • Hildebrand, Helmut et al: „Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch“ 1994, 257. Auflage
  • Roenke, Laura; Mulligan, Shelly: „The therapeutic Value of the Human- Animal Connection.“ Occupational Therapy in Health Care 1998; No 11; S.27-43
  • Walsh, Paul; Mertin, Peter; Verlander, Don; Pollard, Cris: „The Effects of a `Pet as Therapy` Dog on Persons with Dementia in a Psychiatric ward.“ Australien Occupational Therapy Journal 1995; 42; S.161-166
  • Zisselmann, Mark; Rovner, Bary; Shmuely, Yochi; Ferrie, Patricia: „A Pet Therapy intervention with geriatric psychiatry inpatients.“ The American Journal of Occupational Therapy 1996, No 1; S.47-51