1. Hintergrund

Dieser Beitrag beschäftigt sich damit, ob es einen Unterschied macht, wer den Blutdruck bei Patienten misst. Dabei kann unterschieden werden in ärztliches Personal/Mediziner und Pflegende sowie die Patienten selbst (i. S. eines Selbstmanagements ihrer Erkrankung; Patienten messen ihren Blutdruck selbst). Die These lautet: Der von Ärzten gemessene Blutdruck ist höher als der von Pflegenden gemessene Blutdruck.

Ein wesentliches Problem im Zusammenhang mit einer diagnostizierten so genannten "White Coat Hypertension" (WCH) richtet sich darauf, dass Patienten Antihypertensiva (blutdrucksenkende Medikamente) erhalten, die sie möglicherweise gar nicht benötigen, weil die Blutdruckwerte nur bei den Messungen durch den Arzt so hoch sind, dass sie im Bereich der behandlungsbedürftigen Hypertonieklassen anzusiedeln sind und damit einer medizinischen Indikation bedürfen.

Zur näheren Information der aktuellen Klassifikation und Stadien von Hypertonie dient die folgende Abbildung:

Bei dieser Abbildung ist das Hauptaugenmerk auf die einzelnen Blutdruckwerte in den unterschiedlichen Klassen zu richten. Bereits ab einem Wert von >120/>80 mmHg wird in der international anerkannten US-amerikamischen Leitlinie von einer so genannten "Prehypertension" gesprochen, was in der subjektiven Wahrnehmung der Patienten bereits zu einem möglichen Krankheitswert führen kann.

Um es gleich vorweg zu nehmen, eine unmittelbar direkte Antwort auf die eingangs skizzierte Frage kann nur eingeschränkt erfolgen. Dies liegt zum einen daran, dass es für den Begriff "White Coat Hypertension" (WCH) selbst keine objektive Definition gibt (vgl. Khan et al. 2007). Zum anderen ist es schwierig eine WCH als solche zu identifizieren, weil bereits die Terminologie dazu Verwirrung stiftet (vgl. Khan et al. 2007).

Fisher bringt als alternative Formulierung zur "White Coat Hypertension" den Begriff „isolated office hypertension“ ein (vgl. Fisher 2005). Dies verdeutlicht die eher unscharfe bzw. „weiche“ Formulierung im Umgang und der Verwendung des Begriffes der White Coat Hypertension.


2. Definition

In der Literatur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) findet sich ein Versuch, wie die White-Coat-Hypertension beschrieben werden könnte:

“[...] White coat hypertension (WCH) is a condition in which a normotensive subject is hypertensive during repeated clinic blood pressure measurements, but pressures measured outside the medical environment by ambulatory or self measurement techniques, are normal. WCH can lead to an overestimation of initial blood pressure, as well as an underestimation of the effect of treatment [...].” (WHO 2005)

Der Goldstandard, um eine WCH zu identifizieren, ist das ambulante Blutdruck-Monitoring (vgl. Fisher 2005). Demnach sind meistens betroffen: Frauen, ältere Patienten und solche, die wenige Blutdruckmessungen im Sinne eines Monitorings in Arztpraxen in Anspruch nehmen (vgl. Fisher 2005). Auf die Frage warum ausgerechnet diese Personengruppen betroffen zu sein scheinen, gibt es meiner Meinung nach keine zufrieden stellende Antwort. Eindeutig scheint, dass diese Personengruppe zumeist mit ihren Blutdruckwerten dem Stadium I (vgl. Abbildung, oben) zuzuordnen ist (vgl. Fisher 2005).

3. Ergebnisse

Hinsichtlich einer vermeintlich medikamentösen Therapie - d.h. Patienten erhalten blutdrucksenkende Arzneimittel obwohl sie diese gar nicht bräuchten, weil sich ihre Blutdruckwerte im Normalbereich befinden - konnten keine wissenschaftlichen Studienbelege eruiert werden. Lediglich der Hinweis, dass White Coat Hypertension Patienten ein erhöhtes Risiko haben, irgendwann im Laufe ihres Lebens möglicherweise mal eine arterielle Hypertonie zu entwickeln, wurde in einem systematischen Literatur-Review beschrieben (vgl. Khan et al. 2007). In einer randomisiert-kontrollierten Studie (RCT) wurde über Krankenpflegepersonal berichtet, die Bluthochdruck-Patienten - klassifiziert im Hypertonie Stadium III; vgl. Abbildung - zu Hause besuchten. Das Hauptergebnis dieser Studie fokussiert den Aspekt der Therapietreue bzw. Compliance der Patienten: Häufige durch Pflegepersonal durchgeführte Besuche bei Bluthochdruckpatienten führten in der Behandlung und Therapie zu einem (effektiven) Beitrag im Blutdruck-Monitoring und damit einer höheren Therapietreue der Patienten - so die Autoren dieser Studie. Zwischen der Häufigkeit der Besuche durch das Krankenpflegepersonal und dem Anstieg der Compliance sehen die Autoren einen Zusammenhang (vgl. Guerra-Riccio et al. 2004). Das Problem an diesem Ergebnis ist, dass es wenig Hinweise auf eine möglicherweise vorhandene White Coat Hypertension liefert.

Die Ergebnisse aus den internationalen wissenschaftlichen Studien lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Insgesamt gibt es zu wenig qualitativ hochwertige Studienergebnisse, so dass zum Thema wenig relevante Aussagen getroffen werden können.
  • Es sind fast keine systematischen Übersichtsarbeiten vorhanden.
  • Daraus folgt, dass an dieser Stelle weiterer Forschungsbedarf angezeigt ist, insbesondere was die Problematik mit der Arzneimitteltherapie angeht.
  • Es lässt sich jedoch aus der Literatur eine Tendenz ermitteln: Die Blutdruckwerte der Patienten scheinen niedriger zu sein, wenn sie durch das Pflegepersonal gemessen werden.


Die Antwort auf die Frage, ob es einen Unterschied macht, wer bei Patienten den Blutdruck misst, kann mit ja beantwortet werden.


4. Diskussion

Patienten nehmen möglicherweise Antihypertensiva ein, obwohl sie – wenn sie ihren Blutdruck selbst messen oder dieser durch Pflegepersonal gemessen wird – keine hypertonen Blutdruckwerte haben. Es gibt dann für die Patienten keinen rational vernünftigen Grund und damit eine logische medizinische Indikation, warum sie blutdrucksenkende Arzneimittel einnehmen müssten. Vielleicht können Langzeit-Beobachtungen (Monitorings) hier weiterhelfen. Zusätzlich sollte die Eigenverantwortung der Patienten gestärkt werden, damit sie gemeinsam mit dem Arzt entscheiden können ob, wie und wann eine entsprechende hypertensive Therapie sinnvoll sein kann und auch wann nicht.


5. Literatur / Quellen

  • Chobanian et al. 2003: The Seventh Report of the Joint National Committee on Prevention, Detection, Evaluation, and Treatment of High Blood Pressure. In: JAMA. Vol. 289 (19). 2560-2572.
  • Fisher 2005: What is the best way to identify patients with white-coat hypertension? In: Journal of Family Practice. Vol. 54 (6): 549-552.
  • Guerra-Riccio et al. 2004: Frequent nurse visits decrease white coat effect in Stage III Hypertension.In: American Journal of Hypertension, Vol. 17 (6): 523-528.
  • Khan et al. 2007: White Coat Hypertension: Relevance to Clinical and Emergency Medical Services Personnel. In: Medscape General Medicine 9 (1): 52.
  • Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2005: Affordable Technology – Blood Pressure measuring devices for low resource settings.