Altersarmut

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Die Einkommens- und Vermögensverteilung bei älteren Menschen ist sehr ungleich. Dabei haben Altersreichtum und Altersarmut die unterschiedlichsten Gründe. Z. B. ist das Vorhandensein einer Mietwohnung oder des eigenen Hauses Folge einer sehr frühen Entscheidung im Leben mit gravierenden Folgen im hohen Alter. Die Einkommensverwendung und die Konsumstrukturen im Alter sind zum einen auf dem Hintergrund der real verfügbaren Einkommen zu sehen, zum anderen aber auch auf dem Hintergrund wichtiger Stadien im Lebenszyklus älterer Menschen. Das Einkommen sollte dabei immer als Haushaltseinkommen betrachtet werden, da die Einkommensarten im Alter sehr verschieden sein können. Z. B. wenn noch beide Ehepartner leben oder zwei verwitwete Personen zusammenleben.

Folgen der Armut

Die Mietkosten (Warmmiete) fressen bei 42% der alten Armen über 40% des Haushaltsnettoeinkommens auf. Bei fast 60% der alten Armen (über 65) fehlt in der Wohnung: Zentralheizung und/oder Bad.

Fast 50% der alten Armen sind durch körperliche Gebrechen und mangelnde lebenspraktische Fähigkeiten (EATL) zusätzlich belastet.

Kontaktschwierigkeiten oder Einsamkeit tauchen bei 43% der alten Armen auf. Mind. 3/4 der Betroffenen haben noch nie Sozialhilfe beansprucht! Damit sind wir bei einer besonderen Armutsform, die im Alter überwiegt:

Folgen der Verschämten Armut

Versteckte Armut oder Verschämte Armut liegen vor, wenn:

  • Armut wird nicht zugegeben;
  • Sozialhilfe wird nicht beantragt(Warum: ??);
  • An Lebensmitteln wird gespart;
  • Nicht-Lebensnotwendiges wird nicht gekauft;
  • Reparaturen in der Wohnung werden verzögert (z. B. Tapeten);
  • Besuche werden nicht eingeladen;
  • Die eigene Wertvorstellung verhindert, dass ein Anspruch an die Gemeinschaft gerichtet wird. Dabei sinkt das Selbstwert-Gefühl - (z. B. in Nazi-Epoche groß geworden).

Gesundheitliche Auswirkungen

Statistisch gesehen gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen sinkenden Einkommen und größerer Wahrscheinlichkeit zu erkranken.

Definitionen

Im theoretischen Grundverständnis unterscheiden sich ökonomische Konzepte, die Armut als Mangelversorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen verstehen, von soziokulturellen Konzepten, die auch nichtmaterielle Bedürfnisse thematisieren (z. B. das Fehlen ausreichender Bildungsmöglichkeiten, Wohnverhältnisse).

Die WHO definiert Armut nach dem Einkommen. Danach ist arm, wer monatlich weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens seines Landes zur Verfügung hat. In der BRD sind das etwa 600 Euro.

Seit 2001 wird in den Mitgliedsländern der EU derjenige als armutsgefährdet bezeichnet, der weniger als 60 % des arithmethischen Mittels des Nettoäquivalenzeinkommens nach einer neuen OECD-Skala hat. Diese Definition von Armutsgefährdung ist umstritten, vor allem weil sie wenig über den tatsächlichen Lebensstandard der Menschen aussagt. Die Grenze der Armutsgefährdung betrifft nach den Ergebnissen der Studie Leben in Europa 2006 die Älteren (65 und plus) im früheren Bundesgebiet mit 14 Prozent überdurchschnittlich (ca. 12% in der Gesamtbev.). In den neuen Ländern und Berlin lag die Armutsgefährdungsquote dagegen mit 9 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung (dort ca. 15%; Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, Jan. 2008). Als armutsgefährdet galten alleinlebende Personen, wenn sie weniger als 781 Euro im Monat zum Leben hatten.

Armut kann im Lebenslauf zeitweise oder dauerhaft vorhanden sein. Diese vorübergehende und evtl. immer wieder eintretende Armut kann für den Betroffenen schwerwiegende Langzeitfolgen bei Gesundheit und Finanzen haben. Vorsorgemaßnahmen werden nicht in Anspruch genommen und Krankheiten verschleppt. Für die BRD wird geschätzt, dass der Anteil von BürgerInnen, die immer wieder ein Mal vorübergehende von Armut betroffen werden zusätzlich doppelt so hoch sind, wie die Zahl der akuell Armen.

(Auf mehrere Personen, die in einem Haushalt leben, wird das Einkommen übrigens in dieser Statistik nach einem Gewichtungsschlüssel verteilt („bedarfsgewichtetes Äquivalenzeinkommen“). Das errechnete mittlere verfügbare Jahreseinkommen der Bevölkerung Deutschlands lag im Jahr 2005 bei 15.617 Euro pro Person.)

Versteckte Form der Armut

Altersarmut ist fast immer Versteckte Armut oder Verschämte Armut. Damit soll ausgedrückt werden, dass sich alte Menschen so sehr schämen, in Armut geraten zu sein, dass ihre Wertvorstellung es nicht zulässt, dies der Umgebung zu zeigen.

  • Beim Gang auf die Straße oder zum Einkaufen werden noch vorhandene alte "Sonntsagskleider" angezogen, die in der eigenen Wohnung sofort wieder abgelegt werden, um sie zu schonen. Die Kleidung außerhalb der Wohnung erhält so die Fassade eines "normalen" Lebens.
  • Sozialhilfe wird nicht beantragt, weil befürchtet wird, dass dann die Finanzverhältnisse der ganzen Familie offen gelegt werden müssen und evtl. lebende Kinder (die ja schon längst erwachsen sind) zum Unterhalt verpflichtet werden, obwohl diesem "Streit" seit Jahren aus dem Weg gegangen wurde.
  • anderes siehe oben bei Folgen

Indikatoren von Altersarmut

Im August 2011 weisen verschiedene Tageszeitungen auf zwei Zahlen hin, die möglicherweise auf eine Zunahme der Armut Älterer in Deutschland hinweisen:

  • die Zahl der Rentner, die nebenher jobben (geringfügige Beschäftigungen oder Minijob)
dabei wird davon ausgegangen, dass bei der Mehrheit dieser Personen, dieser Zuverdienst deshalb gesucht wird, weil das laufende Einkommen, vor allem die Rente, zum Lebensunterhalt nicht ausreicht.
-> Es wird darauf hingewiesen, dass die Zahl der Rentner innerhalb weniger Jahre sich um fast 60 Prozent gesteigert hat, die nebenher jobben. 2010 gingen rund 660.000 Menschen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren einer geringfügigen Beschäftigung oder einem Minijob nach. Dies seien 244.000 mehr als im Jahr 2000. Gegenwärtig beziehen ca. 20 Millionen Rentnerinnen und -er. Es verdienen sich also rund 3,5 Prozent etwas dazu.
  • die Zahl von Rentnern, die zusätzlich zu ihrer Rente staatliche Grundsicherung beantragen, hat zugenommen.
-> Es wird darauf hingewiesen, dass sie im Jahr 2009 von 400.000 Personen beantragt und dann genehmigt wurde. 2003 waren es 258.000 Personen.

Rentendemos oder RentnerInnendemos

Über 2.000 TeilnehmerInnen kamen im März 2009 zu einer Rentendemonstration in Heilbronn. Daran zeige sich, dass viele Menschen unzufrieden mit der Rentenpolitik der Bundesregierung seien. Die Aktion bildete den Auftakt für eine bundesweite Aktionsreihe, mit der die Gewerkschaften im DGB vor der Bundestagswahl gegen Altersarmut und die Rente mit 67 mobil machen will.

Literatur

Berichte, Quellen zum Thema

Es ist schwer im Einzelfall einer Gemeinde oder eines Landkreises an zuverlässige Zahlen zur Altersarmut zu kommen. Das Sozialamt kann nur die HilfeempfängerInnen der verschiedenen Sozialhilfe-Formen zahlenmäßig danach nennen, ob sie über 65 Jahre alt sind. Auskünfte über Familienverhältnisse und die versteckte Armut sind so nicht erhältlich. Es gibt unterschiedliche Schätzungen z. B. von Wohlfahrtsverbänden oder Forschungsinstituten.

Nach CARITAS-VERBAND (1992) sind mind. 2% der Alten arm, verdeckt wahrscheinlich noch einmal soviele. Eine Verdoppelung der Altersarmut ist zwi. 1975 und 1990 eingetreten! Seither sanken diese Zahlen. 10% fallen immer wieder in Armut und weitere 15% sind in der Nähe von Armut (Definitionsproblem).

anderes zum Thema

  • Herbert Beck: Empirische Armutsforschung. In: Blätter d. Wohlf.pfl: 11/1986, (Seite 126 ff Über Townsend P 1979)
  • DGB, DPWV: Armut in Deutschland. Ergebnisse in 20 Thesen des Armutsberichts von ... In: Blätter d. Wohlf.pfl: 1/1994 Seite 5-12
  • Bundeszentrale f. Polit. Bildung: Armut und Reichtum in Deutschland ; Zustand der Gesellschaft - Armut und Reichtum; In: Aus Politik und Zeitgeschichte (B 29-30/2002) bzw. Hans-Jürgen Andreß/Gero Lipsmeier, Was gehört zum notwendigen Lebensstandard und wer kann ihn sich leisten? Ein neues Konzept zur Armutsmessung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 31 - 32/95 S. 35 – 49
  • B. Geremek: Geschichte der Armut. Artemis, Mü. dtv TB 4558 dt. 1988
  • Stephan Leibfried, Lutz Leisering: Armutsrisiken in der BRD. Suhrkamp, F/m. (1995)
  • Peter Townsend: Armut in Großbritannien. Pinguin Books, Harmondsweorth. 1979. (Das ist der "Klassiker" für das Thema Armut.)

Weblinks

Konsequenzen für die Altenpflege

Eigentlich sollten AP oder GuK-Pflegerinnen wissen, wo die Beratungsstellen in ihrem Landkreis, Gemeinde sind, die über finanzielle Unterstützung kostenlos und neutral informieren. Das jeweilige Sozialamt ist dazu ja auch verpflichtet; dort wird sich aber kaum jemand erkundigen, der fürchtet, dass seine "Kinder" dann zunächst als Schuldner herangezogen werden.

Eine Möglichkeit, sich und seine Kinder vor den finanziellen Folgen einer Pflegebedürftigkeit zu schützen, ist der Abschluss einer sogenannten privaten Pflegezusatzversicherung. Diese leistet je nach Ausgestaltung des Vertrages in den jeweiligen Pflegestufen eine Tagegeldleistung oder bietet eine Sachkostenerstattung, sowohl bei Laienpflege zu hause oder professioneller Pflege ambulant oder stationär.

Siehe auch

| Einkommensstichprobe • SGB XII in der BRD (Sozialgesetzbuch Zwölf, siehe Artikel Sozialhilferecht, früher BSHG) |