Aufgrund ihres ungerichteten Charakters ist die Wahrnehmung vielen Fehlerquellen unterworfen.


Erster Eindruck

(auch Primärfehler genannt)

Der erste Eindruck steuert die weitere Beobachtung und Wahrnehmung, obwohl er durch ein Vorurteil falsch sein kann.

Kontrastfehler

Beispiel: In die Ambulanz werden zeitgleich zwei neue Patienten gebracht. Der eine blutüberströmt nach einem Hundebiss, der andere kreidebleich, sich krümmend vor Schmerzen. Das Personal nimmt auf den ersten Blick das Blut wahr, das überall an der Kleidung klebt und hören die Schmerzesäußerungen des vom Hund gebissenen Patienten. Diese Szene sieht so dramatisch aus, dass der gekrümmte Patient nicht als ein anderer oder evtl. auch der gravierendere Notfall betrachtet wird. Die Folge wäre: Er wird später behandelt, obwohl es sich möglicherweise um schwere innere Verletzungen mit Todesfolge handeln kann.


Haloeffekt

Kommt vom engl. Wort für Heiligenschein. Wird auch Hofeffekt genannt. Eine positiv eingeschätze Eigenschaft einer Person überdeckt fehlerhafte Eigenschaften.

D.h. ein positives Merkmal überdeckt ein zweites, unabhängiges Merkmal.

siehe auch: Haloeffekt

Hierarchieeffekt

Hierarchisch höherstehende Personen werden eher besser eingeschätzt.

Den Worten eines Professors messen die Patienten mehr Bedeutung bei, als denen einer Pflegekraft, obwohl erster Unrecht haben könnte.

Mildefehler

Macht eine beliebte Pflegekraft einen Pflegefehler, wird er weniger streng sanktioniert als bei einer unbeliebten, obwohl Pflegefehler Pflegefehler bleibt. Ähnlichem Phänomen können auch die Prüfer ihren Prüflingen gegenüber erliegen.


Reihenfolgenfehler

Zählen Patienten mehrere Symptome hintereinander auf, so besteht die Gefahr, dass Pflegekräfte die in der Mitte genannten vergessen. Schülern und Patienten geht es mit den Anleitungen der Pflegekräfte natürlich genauso.


Mittentendenz

oder Tendenz zur Mitte oder Tendenz zur erwünschten Antwort. Menschen haben eher die Neigung, sich eher in Richtung zur Mitte als zu den Extremen hin zu äußern. Sie äußern sich in der Richtung, in der sie die sozial akzeptierte Antwort vermuten. Z.B.: auf die Frage: Wie geht es dir? Antworten sie "eher gut, geht so, könnte besser sein". Sie haben zu Extremen oftmals keinen Mut, weil sie dann angreifbar oder außergewöhlich sind. Sie würden also nicht so oft antworten: "Ich bin wirklich super drauf. Mir geht es blendend. Mir ist es in meinem Leben noch nie so mies gegangen."

Auf Patientenäußerungen bezogen heißt das, dass Pflegekräfte diese Menschen sehr gut beobachten müssen, damit ihnen Akutzustände nicht untergehen.

Logischer Fehler

Von einer Eigenschaft wird auf andere geschlossen. Andere unpassende Wahrnehmungen werden "übersehen".

Beispiel: Eine Alkoholkrankheit kann zur Leberzirrhose führen. Ein Patient wird mit Leberzirrhose eingeliefert. Ich denke sofort, er sei Alkoholiker. Dann äußert der Patient, er würde keinen oder nur sehr wenig Alkohol trinken. Ich weiß, dass Abhängige lügen müssen, das ist ein Symptom der Abhängigkeit. Also denke ich, dass er mich anlügt. Durch die Kette dieser logischen Fehler kann ich einem Menschen nicht nur unrecht tun, sondern wenn ich auch noch ganz logisch davon ausgehe, dass Alkoholiker ordinär sind, Ränkespiele spielen, immer bei anderen die Schuld für ihr Schicksal suchen, anstatt sich selbst zu reflektieren, dann ist unsere Beziehung schwer gestört.

Herr L., ein 66-jähriger Patient, seit 5 Tagen auf Station B, möchte nicht von Felix, dem Pflegeschüler betreut werden. Dies berichtet er innerlich etwas erregt und gestikulierend der Stationsschwester. Hinter dieser ablehnenden Haltung von Herr L. steht keine persönliche Abneigung oder Antipathie gegenüber Felix. Seine Vorbehalte sind eher grundsätzlicher Natur: Herr L. glaubt, dass Pflegen keine Männersache sei und männliche Pflegekräfte deshalb auch schlechte Pfleger sein müssen.´.

Sich erfüllende Prophezeiung

Symptome für die angenommene weitere Entwicklung werden leichter wahrgenommen als gegenteilige Symptome oder Erscheinungen. Engl. self fulfilling prophecy. Dadurch tritt dann das angenommene Ereignis tatsächlich eher ein.

Die eigenen Annahmen und Vorurteile bestimmen nicht nur unsere Wahrnehmung, sondern auch unser Verhalten. Von einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung wird gesprochen, wenn die Erwartung an das Verhalten des Gegenübers dazu führt, dass diese Erwartung auch in Erfüllung geht.

Optische Täuschungen

auf Grund der neurologischen Organisation der optischen Wahrnehmung (Auge, Sehnerv, Gehirn) kommt es zu den typischen, schwer vermeidbaren Wahrnehmungsfehlern

  • Gesetz der guten Gestalt,
  • Prinzip der Geschlossenheit

Dabei werden bekannte Figuren oder Umrandungen quasi automatisch mitgedacht. Ungewohnte Figuren werden nicht als solche erkannt.


  • Verwechslung von Figur und Hintergrund (Kippfiguren)

Durch Kontrastphänomene werden Vorder- und Hintergrund verwechselt. Grauwerte oder Farben werden bei schlechter Beleuchtung z. B. nicht richtig wahrgenommen. Kanten-Schatten gehen evtl. so verloren oder werden fehlintepretiert.


  • Gesetz der Nähe

Nahe bei einander stehenden Gegenständen etc. werden eher als zusamengehörig interpetiert. Weiter entfernt stehende Teile (eines Ganzen) nicht.


  • Gleichartige Bewegung steht fälschlich für Gleichartiges

Bei gleichartiger Bewegung werden andere (wichtigere) Unterscheidungsmerkmale z. B. einer beteiligten Person übersehen. Es wird Gleichartigkeit unterstellt.

Siehe auch

Weblinks